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CIRO magazine

Rentenurlaub Re-Loaded

Wer im Sommer keine Schönwettergarantie mit stetigen Hochsommertemperaturen von 30 Grad plus sucht, der ist im Baltikum herzlich willkommen. Interessante Städtetrips in Vilnius, Riga und Tallin und die rauen, wilden Ostseestrände laden zu einer perfekten Rundreise ein. Der kühle Norden hat seinen grauen Ostblockcharme schon längst gegen ein buntes kosmopolites Flair eingetauscht. 1989, also genau vor 20 Jahren haben sich Estland, Lettland und Litauen von der Sowjetunion gelöst und gehen ihren eigenen selbstbestimmten Weg. Das neue Baltikum ist im Aufbruch, energiegeladen und voller Optimismus. Man muss nicht mehr auf den Ruhestand warten um die baltischen Staaten mit einer Gruppenreise kennenzulernen.

VILNIUS - Barock meets autonome Szene

Vilnius, Litauens Hauptstadt, ist der Startpunkt unserer Baltikum Rundreise. In diesem Jahr ist das charmante Städtchen kulturell gesehen ein besonderes Highlight, da Vilnius paralell zu Linz den Titel der Kulturhauptstadt Europas 2009 führt. Vilnius hat Europas größte Altstadt und wurde 1994 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Wenn man durch die verwinkelten Gassen des altertümlichen Vilnius spaziert, weiß man auch warum. Prunkvolle orthodoxe und katholische Kirchen, idyllische Innenhöfe und kopfsteingepflasterte Gassen halten vergangene Jahrhunderte lebendig. Hinter der barocken Fassade versteckt sich jedoch eine traditionsbewusste und zugleich moderne, pulsierende Stadt. Internationale Modehäuser, Schmuckgalerien und Straßencafes laden zur Shopping Tour mit weltstädtischem Flair ein. Lokale Designer entwerfen aus Leinen der Region raffinierte, trendige Kollektionen. ‚Das Gold der Ostsee’, der Schmuckstein Bernstein, wird abseits der touristischen Massenware an den Marktständen, in kleinen Ateliers in ausgefallenen Designs angeboten. Vilnius ist am besten zu Fuß zu erkunden. Unweit vom Stadtkern gelangt man zum Künstlerviertel ‚Uzupis’, einer selbstausgerufenen Republik der Boheme. Die sympathische Verfassung auf einer Hausmauer beinhaltet u.a. das Recht Fehler machen zu dürfen. Hoch über den Hügeln über der Altstadt im Restaurant ‚Tores’ genießen Künstler und Individualisten der Republik Uzupis den schönsten Blick auf die Stadt. Während man die köstliche kalten Roten-Rübensuppe ‚Salti barsciai’ löffelt wundert man sich gegen 21.30 Uhr noch immer über die Helligkeit des längst angebrochenen Abends. Die langen Nächte im Baltikum sind für mitteleuropäische innere Uhren sehr gewöhnungsbedürftig, aber ein absoluter Gewinn. Jeden Tag mindestens 2-3 Stunden mehr Urlaub, verlockender als jeder Frühbucherbonus!


RIGA - Jugendstil in Reinkultur

Riga, die Hauptstadt von Lettland, begrüßt uns mit über 35.000 fröhlichen Menschen jeder Altersgruppe in farbenprächtigen Trachten und kunstvoll geflochtenen Blumenkränzen auf dem Kopf, die singend durch die Straßen ziehen. Sie sind aus Lettland, Littauen und Estland angereist, um das traditionelle Liederfestival zu feiern. Was für ein Glück, dieses Fest findet nur alle 5 Jahre in Riga statt! Nach einer halben Stunde nicht enden wollender Folklore-Straßenzüge flüchten wir in die kleinen, ruhigen Seitengassen der Altstadt. Und da stehen sie in ihrer ganzen Pracht: die divenhaften Jugendstilhäuser, laut Unesco die schönsten Bauwerke dieser Stilrichtung in ganz Europa. Teilweise Rohdiamanten, teilweise aufwendig renovierte Prachtbauten. Riga ist eine sehr vertraute Mischung aus Paris, Budapest und Wien - Donauinsel inklusive. Kopfsteingepflasterte, mittelalterliche Gässchen und breite mondäne Boulevards prägen das Stadtbild. Auf der breiten Daugava schippern im Sommer die Ausflugsschiffe Touristen auf und ab und am Abend gibt es russischen Disco Pop an Bord. Im autofreien Altstadtkern kann man stundenlang in Straßencafes verweilen und den schönen lettischen Frauen mit Endlosbeinen in Hotpants und Stilettos beim gekonnten Stolzieren über das Kopfsteinpflaster bewundernd zuschauen.


JURMALA - Die lettische Riviera

Jurmala - die Wochenend- und Sommerdependence in der Rigaer Bucht, nur 30 Minuten von der Hauptstadt entfernt, ist ein sympathischer Ferienort, der in vielen Kindheitserinnerungen Platz hat. Der Ort ist geprägt von Holzvillen mit Pipi-Langstrumpf- Charme und einer Flaniermeile mit unzähligen Cafes, Restaurants und Bars. Am frühen Abend beginnt der Catwalk der herausgeputzten Familien, schlacksigen, hochgewachsenen Mädchen, die den ersten Sommer Highheels und Lippenstift tragen, und Jungs, die cool ihre Zigaretten rauchen und sich in scheinheiligem Desinteresse am anderen Geschlecht üben. Die wirkliche Perle dieses Ortes ist allerdings der 32 Kilometer lange Strand. Feiner, fast weißer Sand verführt automatisch zum Barfußlaufen am Strand. Übermütig wollen die großstadtgeplagten Füsse auch sofort ins Wasser. Doch Übermut tut selten gut. Der Kopf ist auf ein sonnenwarmes Brandungsnass eingestellt, doch die Nervenzellen der kleinen Zehe leiten schneller als gewollt die Wahrheit an die Synapsen weiter: frostige 18 Grad! Neben mir planscht ein dreijähriges Mädchen fröhlich losgelöst im Wasser, als wären wir an der überhitzten Adria. Früh übt sich, wer sich mit diesen Wassertemperaturen anfreunden möchte. Als gegen 22.00 Uhr das Schauspiel des Sonnenuntergangs beginnt, ist die innere Uhr wieder einmal total durch den Wind. Der letzte Dämmerungsstreifen am Horizont gegen Mitternacht macht uns dann darauf aufmerksam, dass es für heute genug ist mit dem Strandspaziergang. Schade eigentlich.

PÄRNU - Reise ins vergangene Jahrhundert

Nach gemütlichen 2 Stunden Autofahrt durch satte grüne Landschaften mit bunter Blumenwelt erreichen wir den nächsten Ort unserer Wahl, Pärnu in Estland. Auf der Suche nach einer Unterkunft stehen wir plötzlich vor den Toren eines schlossartigen, mondänen Anwesens, eingebettet in eine weitläufige Parkanlage. Das Hotelschild ‚Villa Ammende’ lässt daraufschließen, dass man diesen Prinzessinnentraum mieten kann. Wir betreten die Empfangshalle und machen augenblicklich eine nostalgische Zeitreise ins vergangene Jahrhundert. Ein offener Kamin mit loderndem Feuer, Jagdtrophäen und alte Gemälde an den Wänden, samtbezogene Fauteuils und ein prunkvoller Jugendstil-Kronleuchter lassen nur darauf warten, dass Frau Ammende persönlich wie anno dazumal die massive Holztreppe hinabschreitet. Ein einziger Gedanke schießt mir in den Kopf: Will haben – bzw. will bleiben! Leider sind alle Suiten schon besetzt, aber im Gärtnerhäuschen wäre noch ein Zimmer frei. Glück gehabt, das Urlaubsbudget lässt danken.

Die Villa Ammende ist das stilvollste und am besten erhalten gebliebene Bauwerk im Jugendstil in Estland aus dem Jahre 1905 und wurde 1999 als Hotel eröffnet. Doch es gibt einige von diesen herrschaftlichen Schlafstätten in allen drei baltischen Staaten. Zu verdanken hat man diese großteils den Deutschbalten aus dem 13. Jhdt. Sie kamen als Handwerker und Kaufleute und bauten tausende Schlösser und Gutshöfe. Während der Sovjetzeit wurden diese Herrenhäuser als Sanatorien, Spitäler oder Schulen umfunktioniert. Viele verfielen, aber einige wenige wurden liebevoll von ihren neuen Besitzern renoviert und in Hotels umgewandelt.
Die darauffolgenden zwei Tage zelebriere ich meinen Prinzessinnentraum in vollen Zügen. Zum Frühstück gibt’s Eggs Benedict und Champagner im blauen Speisesaal.

Der rote Salon ist das perfekte Ambiente für die Urlaubslektüre und der 5 Uhr Tee wird auf der Terrasse eingenommen. Der Conciérge macht uns höflich darauf aufmerksam, dass am Abend ein Klavierkonzert im Haus stattfinden wird. Vorbei der Traum - ob die légère ‚Casual‘-Urlaubsgarderobe für solch eine Abendveranstaltung reichen wird bezweifle ich.


Tallin - pittoreskes Städtchen hoffnungslos überfüllt

Der nördlichste Punkt der Reise ist erreicht, Tallin, die Hauptstadt Estlands. Laut Reiseführer ist die Altstadt sehr pittoresk – wenn wir sie nur sehen würden! Die Trauben von Kreuzfahrttouristen, die den Stadtführern mit hochgehaltenen Regenschirmen hinterherlaufen, machen den Blick auf den Rathausplatz fast unmöglich. Studenten in mittelalterlichen Knappen- und Bfräuleinkostümen laden zum Essen in die Gewölberestaurants ein oder lotsen die Touristen direkt in die Souvenirläden. Wir wälzen uns auf der Haupttouristenader hinauf zur Oberstadt, vorbei an der Newski Kathedrale und dem Parlament. Ganz nach dem Motto: sehr schön, abgehackt. Als der Touristenstrom plötzlich bei einem Aussichtspunkt auf die alte Stadtmauer ins Stocken kommt, partizipieren wir gezwungenermaßen an den ausführlichen Ergüssen einer deutschen Stadtführerin über die Geschichte Tallins. Danke, es war sehr interessant.


Kurische Nehrung - die Sahara des hohen Nordens

Thomas Mann schwärmte vom Blick auf das tiefblaue Wasser, den er von seinem Haus in Nida an der Kurischen Nehrung aus genoss. Ein paar Häuser weiter sitze ich jetzt auf einer Terrasse und genieße eben diese wunderbare Aussicht auf das Kurische Haff. Die Kurische Nehrung ist eine ca. 100 km lange und nur 4 km breite Landzunge, die zur Hälfte zu Litauen und zur anderen Hälfte zu Kaliningrad gehört. Berghohe Dünen, endloser, feiner, kilometerweiter Sand verschaffen diesem wunderschönen Stückchen Land den Beinamen ‚baltische Sahara’.

Die letzten Tage verrinnen wie der feine Ostseesand zwischen den Fingern – endlose Wanderungen durch die Dünenlandschaften, entspanntes Sonnenbaden, Radfahren auf den flachen Wegen durch die herrlich duftenden Kiefernwälder. Volles Pensionistenprogramm. Mit Blick auf die orangerot gefärbte Ostsee, in dicke Karodecken eingewickelt und einer heissen Tasse Kräutertee in den Händen stelle ich fest, dass ich eigentlich nichts dagegen hätte, wenn der Ruhestand morgen so beginnen würde.

Story & Copyright by Nicole Janata